Salzburger Stier

Die Gewinner:innen 2027

Preisträger:innen

Von diesem Feminismus kriegt man nie genug: scharf, lustig, robust. Wenn Suchtpotenzial von der Gleichberechtigung träumt, dann schlagen die beiden Frauen keine zarten Töne auf der Harfe an, sie lassen es mit Gesang und Klavier krachen. „Wir sind genauso scheiße wie ihr“ heißt einer ihrer größten Hits. Eine Zumutung für Männer, eine Zumutung für Frauen, aber spätestens, wenn die beiden „ihr“ auf „Bier“ und „rasier‘“ reimen, singen alle mit.

Und was reimt sich noch auf Bier und rasier‘? Genau: Stier.

Der Salzburger Stier 2027 geht an Julia Gámez Martin und Ariane Müller. Julia Gámez Martin brilliert als Chansonette, Bierzeltkönigin, Rockröhre, treffsicher kommentiert von Ariane Müller am und mit dem Piano. Mal verbinden sich die beiden zum Duett, oft liefern sie sich ein Duell auf offener Bühne. Mit geschliffen-ungeschliffener Sprache bewegt sich Suchtpotenzial virtuos in der Diskursarena. „Wir lieben alle Menschen“, bekennen sie in einem Folksong zur Gitarre. „Wir sind total tolerant, ladiladila“, jubeln sie in einem anderen Mitsing-Lied. Mit „Ficken für den Frieden“ formulieren sie niedrigschwellig ihr pazifistisches Programm. Mutmaßlich singen die beiden für eine bessere Welt, aber bevor die Nächstenliebe ausbrechen kann, müssen sie ebenso schreiend wie komisch Klaus-Dieters Kurzarmhemden, Detoxparties mit Zucchini-Nudeln und Penisneid samt Spätfolgen aufarbeiten.

„Mein lieber Hair Gesangsverein!“ So erinnern sich die langhaarige Schwäbin Ariane Müller und die langhaarige Berlinerin Julia Gámez Martin an jenen Moment, als sie sich 2011 am Stadttheater Ulm erstmals begegneten. Die „Rocky Horror Picture Show“ und – klar – „Hair“ standen auf dem Spielplan. Müller hatte die musikalische Leitung, Gámez Martin war als Sängerin engagiert. Trotz solider Ausbildung an Instrument und Stimme möchten die beiden nicht als Musik-Kabarettistinnen bezeichnet werden. „Alko-Pop“ nennen sie ihr Genre, „100 Prozent Alko-Pop“ hieß 2013 ihr erstes Programm.

Sie überstanden Durststrecken und traten vor irritiert dreinblickenden Klaus-Dieters in Kurzarmhemden auf. „Von Appenzell nach Kappeln, dann nach Mülheim an der Ruhr, trotz starker Depressionen singen wir in Dur. Ihr habt vier fünf gute Jahre, sagt die Agentur, und an der Rezeption ist keiner mehr nach 20 Uhr“, beklagen sie frohgemut im Song „Ochsentour“. Das Potential von Suchtpotenzial blieb auch anderen Jurys nicht verborgen. Das Duo wurde unterem anderem in Meiningen mit dem Thüringer Kleinkunstpreis und in Mainz mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Die Ochsentour hat sich gelohnt: Jetzt wartet der Stier in der Meininger Arena.

Er sei das Beste aus zwei Welten, „das Beste aus Kabarett und Comedy“, attestiert ihm sein Kollege Josef Hader. Mit seiner ungeheuren Energie, mit außerordentlicher Bühnenpräsenz und hoher Pointendichte präsentiert Berni Wagner auf der Bühne fantasievolle, schräge und manchmal auch hinterhältige Geschichten.

Der gebürtige Oberösterreicher und studierte Biologe steht mit seinem unverwechselbar dynamischen Stand-Up Kabarett bereits seit über dreizehn Jahren auf den deutschsprachigen Bühnen. Die einst angestrebte Schauspielkarriere ist gänzlich anders verlaufen, als geplant: Am Max Reinhard Seminar ist er gleich bei der ersten Vorstellungsrunde hinausgeflogen, worauf er begann, auf offenen Bühnen aufzutreten, an Poetry Slams teilzunehmen und eigene Texte und Programme zu schreiben. Vieles, was Berni Wagner textlich verarbeitet, basiert auf wahren Begebenheiten, Kabarett hat für ihn viel mit Autofiktion zu tun. Speziell für das Radio hat er Comedy- und Kabarettformate im ORF Radio FM4 („Das magische Auge“), Ö3 und für Ö1 Campus verfasst.

Berni Wagners temporeiches und intelligentes Stand-Up Kabarett steckt voller origineller Alltagsbeobachtungen, sein selbstironischer Humor gleitet immer wieder ab ins Surreale, fantasievoll Versponnene. Für Improvisationen aller Art hat er ein besonderes Faible. Seine spontanen Exkurse kämen, wie er sagt, „stets von Herzen, denn vom Hirn kommen sie sicher nicht.“

Sei es das Artensterben, der Klimawandel, toxische Männlichkeit oder Faschismus - Berni Wagner versteht sich meisterhaft auf die Kunst, ernste Themen mit Leichtigkeit, übermütigem Witz und schnellen Pointen vor seinem Publikum auszubreiten. Im aktuellen Solo „Monster“, überzeugt er mit teils wohldosierter, teils erschreckender Aggression und führt dem Publikum die eigenen Schummeleien, die kleinen und die großen Lebenslügen vor Augen. Berni Wagner in einem Online-Interview: „Manche machen Kabarett wie Gewichtheber, die schwere Themen heben, manche wie Ballett. Das ist genauso anstrengend, schaut aber schwerelos aus. So entsteht die Magie.“

Der Salzburger Stier 2027 aus der Schweiz geht an Judith Bach. «Aus lauter Lebenslust» hiess 2018 ihr erstes Soloprogramm. Als erfolgreiche Absolventin der Scuola Dimitri trägt Judith Bachs Bühnenfigur Claire eine Art Clownskostüm: rutschender Rock, rote Krawatte und abstehende Haare, als hätte sie in eine Steckdose gefasst. In Wahrheit ist ihre Claire inspiriert von Claire Waldoff, einer emanzipierten deutschen Volkssängerin der 20-er Jahre. Das Clowneske ist Judith Bachs unbändiger Spielfreude geschuldet. Wer sie auf der Bühne sieht, versteht, hier sprengt die Kreativität alle Genregrenzen.

Den Grundstein für ihre Solo-Karriere legte Judith Bach mit dem Duo «Luna-Tic»: In mittlerweile fünf abendfüllenden Bühnenproduktionen spielte sie sich seit 2006 mit ihrer Studienkollegin, der Schauspielerin und Sängerin Stéfanie Lang, direkt ins Herz der Kleintheaterszene. Aus bekannten Liedern wurden Feuerwerke von Missverständnissen und Liebeserklärungen, aus dem klassischen Tragödienstoff «Antigone» ein Kampf ums Happy End.

Doch wie im antiken Drama kennt auch das Leben den Tod. Der Tod von Judith Bachs Grossmutter inspirierte die Enkelin zu einer Solo-Karriere mit mittlerweile drei enorm textstarken Abenden zu «Oma Fritz». Hier entfaltet Judith Bach als «Claire alleene» die ganze Palette ihrer Bühnenkunst: Zugespitztes Erzählen, Pointen der Trauer, Lieder und humoristische Blitzlichter auf unsere Gesellschaft zwischen Deutschland und der Schweiz.

Die in Berlin geborene Judith Bach hat ihre Kindheit zuerst in einem kleinen Dorf bei Köln, sowie in Südafrika verbracht, wo sie in Kapstadt ein Internat besuchte. Seit sie acht Jahre alt ist, möchte sie auf die Bühne, arbeitete zeitweise sogar als Barpianistin in Sardinien und ist vermutlich deswegen mit allen Wassern gewaschen. So erklärt sich auch die Frische in ihren Texten, Liedern und in ihren Augen, die zu weit offen sind, um nicht sämtliche Widerhaken im Leben zu erkennen. Aber was ist schon ein blöder Widerhaken? «Ran an die Buletten», würde die Bühnenfigur Claire mit ihrer Berliner Schnauze sagen und einen kabarettistischen Luftsprung machen, der uns alle aufatmen lässt.